Wie können Organisationen Geodaten über einen Datenraum bereitstellen, ohne selbst dessen technische Infrastruktur betreiben zu müssen? Mit dieser Frage hat sich das Forschungsprojekt InGeoDTM – Datentreuhandmodell für horizontale Geodatenräume – beschäftigt, welches nach einer Laufzeit von Juni 2024 bis Februar 2026 abgeschlossen worden.
Unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD haben Fraunhofer ISST, wetransform GmbH, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und M.O.S.S. Computer Grafik Systeme GmbH ein Governance-Modell für einen horizontalen, domänenübergreifenden Geodatenraum entwickelt. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).
Zu den Ergebnissen des Projekts zählen ein dokumentiertes Modell für einen Geodaten-Treuhänder, der Organisationen den Zugang zu einem Datenraum ermöglicht, ohne dass diese selbst Mitglied werden oder einen eigenen Connector betreiben müssen, sowie zwei Demonstratoren aus den Bereichen Windparkplanung und Forstwirtschaft, die den domänenübergreifenden Austausch und die Nutzung von Geodaten im Geodatenraum exemplarisch validieren. An der Ausarbeitung des Modells war für M.O.S.S. unter anderem Nina Krüger beteiligt.
Das Wichtigste im Überblick
- Das Forschungsprojekt InGeoDTM hat ein Governance-Modell für den geplanten horizontalen Geodatenraum InGeo-X entwickelt und ist im Februar 2026 nach rund 20 Monaten Laufzeit abgeschlossen worden.
- Ziel ist ein Datentreuhänder, über den Dateneigentümer Daten bereitstellen können, ohne selbst Datenraummitglied zu werden oder einen eigenen Connector zu betreiben.
- Das Governance-Modell orientiert sich an den FAIR-Prinzipien und legt Rollen, Gremien, Datenrichtlinien sowie Standards wie OGC, ISO und INSPIRE fest.
- Der entwickelte Ansatz ermöglicht den sicheren Austausch hochwertiger Geodatenbestände (High-Value Datasets) über Organisations- und Domänengrenzen hinweg.
- Klare Governance-Regeln, definierte Nutzungsrechte und transparente Zugriffsmechanismen schaffen Vertrauen und Rechtssicherheit für Datenanbieter und Datennutzer.
- Projektpartner waren Fraunhofer IGD als Koordinator, Fraunhofer ISST, wetransform GmbH, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und M.O.S.S. Computer Grafik Systeme GmbH.
- Zu den assoziierten Partnern zählen das Hessische Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation (HLBG), das Landesamt für Geobasisinformation Sachsen (GeoSN), das Landesamt für Vermessung, Geoinformation und Landentwicklung Saarland (LVGL), wpd GmbH und Nefino GmbH.
- Offen ist die künftige Rechtsform des Datentreuhänders; geprüft wird vorrangig die Ertüchtigung des bestehenden Vereins InGeoForum e.V.
- Die praktische Umsetzbarkeit wurde anhand von Demonstratoren in den Anwendungsbereichen Windparkplanung und Forstwirtschaft erfolgreich nachgewiesen.
Aufgabenstellung und Randbedingungen
Geodaten stammen aus vielen unterschiedlichen Quellen – etwa Fernerkundungsdaten oder Daten von Katasterämtern – und sind für Anwendungsfelder wie Smart Cities, Klimaschutz oder Mobilitätsplanung relevant. Der Zugang zu diesen Daten war bislang uneinheitlich geregelt: Für einzelne Organisationen war es technisch und organisatorisch aufwendig, eigene aktuelle Daten in einem Datenraum bereitzustellen oder als eigenständiges Mitglied einen EDC-basierten Connector zu betreiben. Aufgabe von InGeoDTM war es, ein Modell zu entwickeln, das diesen Aufwand über einen zentralen Treuhänder reduziert und dabei rechtliche Vorgaben wie den Data Governance Act (DGA), den Data Act und die DSGVO einhält.
Wie das Governance-Modell aufgebaut ist
Das Modell orientiert sich an den FAIR-Prinzipien – Auffindbarkeit, Zugänglichkeit, Interoperabilität und Wiederverwendbarkeit von Daten. Es definiert vier Basisrollen:
- Dateneigentümer, die ihre Daten bereitstellen und über Nutzungsbedingungen entscheiden,
- den Datenraum InGeo-X als technische Infrastruktur,
- den Datentreuhänder InGeoDTM, der Organisationen an den Datenraum anbindet
- und Datennutzer, die Daten unter den festgelegten Bedingungen abrufen.
Ergänzt wird dies durch Gremien – einen Steuerungsausschuss, Arbeitsgruppen, einen Nutzerbeirat und bei Bedarf ein Joint Steering Committee – sowie durch eine langfristig angelegte externe rechtliche Begleitung.
Wie das Onboarding von Dateneigentümern funktioniert
Damit der Datentreuhänder effizient arbeiten kann, ist das Onboarding von Dateneigentümern als weitgehend automatisierter Prozess angelegt. Er umfasst zwei Ebenen: ein technisches Onboarding, bei dem Schnittstellen eingerichtet und ihre Kompatibilität mit den Geodatenstandards geprüft werden, und ein organisatorisches beziehungsweise rechtliches Onboarding, das den Abschluss von Treuhandverträgen, Datenschutzerklärungen und Auftragsverarbeitungsverträgen sowie die Prüfung der Identität der Teilnehmenden umfasst. Ergänzt wird dies um ein attributbasiertes Vertrauensmodell: Zugriffsrechte werden nicht pauschal, sondern anhand nachweisbarer Teilnehmerattribute wie Zertifizierungen oder Branchenmitgliedschaften vergeben, nach dem Prinzip der minimalen Rechtevergabe.
Als Anwendungsbeispiel beschreibt das Modell einen Windpark-Entwickler, der für die Standortplanung auf Daten mehrerer Quellen angewiesen ist – etwa Eigentums- und Nutzungsdaten aus dem Liegenschaftskataster (ALKIS) sowie Landnutzungs- und Umweltdaten von Gemeinden. Diese Dateneigentümer müssten ohne Treuhänder selbst Mitglied des Datenraums werden; über InGeoDTM können sie ihre Daten stattdessen unter selbst festgelegten Nutzungsbedingungen bereitstellen, während ein zentraler Metadatenkatalog die Auffindbarkeit sicherstellt.
Was schwierig war
Die Kontrolle der Einhaltung von Nutzungsrichtlinien nach der Übertragung von Geodaten im InGeo-X Datenraum lässt sich nur eingeschränkt durchsetzen. Sie obliegt laut Modell primär dem Datennutzer selbst und kann vom Datentreuhänder nicht vollständig überwacht werden. Zugleich musste das Modell zwei gegenläufige Anforderungen zusammenführen: ein möglichst niedrigschwelliges Onboarding für Dateneigentümer einerseits und die nach Art. 12 Abs. 2 des Data Governance Act geforderte strikte Neutralität und Unabhängigkeit des Treuhänders andererseits, wofür Mechanismen zur Offenlegung von Kapital- und Stimmrechtsbeteiligungen vorgesehen sind.
Ergebnis und Stand
Mit Projektende liegt ein vollständig dokumentiertes Governance-Modell vor, das Rollen, Gremien, Datenrichtlinien, Standards sowie Prozesse für den gesamten Datenlebenszyklus – von der Erstellung bis zur Löschung – festlegt und in der technischen Referenzarchitektur „InGeo-X Blueprint“ umgesetzt wurde. Für den dauerhaften Betrieb des Datentreuhänders werden derzeit verschiedene organisatorische Optionen bewertet. Im Fokus steht dabei die Auswahl einer geeigneten Rechtsform sowie die Ausgestaltung eines nachhaltigen Finanzierungsmodells.
Für wen das Modell übertragbar ist
Der im Projekt entwickelte, auf offenen Standards beruhende Geodatenraum ist nach Angabe der Projektpartner als Blueprint für andere Geodatenräume gedacht und nicht auf die beiden erprobten Anwendungsszenarien Windenergie und Forstwirtschaft beschränkt. Das Modell richtet sich an Organisationen, die Geodaten – offen oder personenbezogen – in einem Datenraum bereitstellen oder nutzen möchten, ohne den technischen und organisatorischen Aufwand einer eigenen Datenraummitgliedschaft zu tragen. Für Organisationen, die bereits über einen eigenen EDC-basierten Connector und eine eigene Datenraummitgliedschaft verfügen, ist der Treuhänder-Ansatz hingegen nicht der maßgebliche Weg.
Weiterführende Informationen
Weitere Informationen zum Projekt: Projektseite des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD zu InGeoDTM.
Report zum Projekt InGeoDTM – Ein Governance-Modell für domänenübergreifende Geodatenbereitstellung: Download [PDF]

